May 20
Elektromechanische Schalter-Billettdrucker PAUTZE in der Schweiz

Im Locorama Romanshorn werden der Nachwelt zwei Schalter-Billettdruckmaschinen Typ MG2 der Firma PAUTZE funktionsfähig erhalten. Sie zeugen vom mechanisierten Billettverkauf, wie er in der Schweiz auf grösseren Dienststellen der SBB, einiger Privatbahnen und bei wenigen Poststellen während etwa 25 Jahren – von 1969 bis 1993 – üblich war. Die Einführung wie später dann die Ablösung der Druckgeräte erfolgte etappenweise. Die letzten PAUTZE für die SBB waren 1980 im neuen Bahnhof Zürich Flughafen installiert worden. Technische Angaben: 40 x 45 x 45 cm, 57 kg, Wahltasten, Nummerierwerk, Gesamterlöszähler, zwei Kontrollstreifen (für die mechanographische Abrechnung und für die Dienststelle; jeder Druckvorgang wurde registriert).

"Schalter-Billettdrucker" bedeutet, dass ein Billett direkt am Schalter während des Verkaufsvorgangs gedruckt wird. Beim Tischgerät PAUTZE MG2 musste jedes Mal eine entsprechende kleine, gewölbte Druckplatte ins Gerät eingeführt und dann wieder zurück in den Spender gesteckt werden; gewölbt wegen des Rotationsdruckes im Gegensatz zu anderen Fabrikaten. Die Karton-Rohlinge hatten das damals noch weltweit verwendete edmondsonsche Billettformat (ca. 30 mm x 57 mm).

Im Ausland waren auf grossen Bahnhöfen schon um 1900 da und dort Prototypen von elektromechanischen Schalterdruckern erschienen. Erste solche Versuche der SBB datieren von 1924 (Basel, Bern und Zürich). Doch waren die damaligen Geräte den Schweizer Gegebenheiten nicht gewachsen: Dichtestes ÖV-Netz der Welt, differenziertes Tarifsystem und vor allem Direkter Verkehr (mit einem einzigen Billett) zwischen damals etwa 180 Bahn- und Schiffsunternehmen.

So blieb es für weitere Jahrzehnte beim bewährten, von Thomas Edmondson 1838 geschaffenen und weltweit gebräuchlichen System: Schnell griffbereites Sortiment mit fertiggedruckten Kartonbilletten im Verkaufskasten und neben dem Schalterfensterchen der gusseiserne "Nickesel" bzw. auf Schweizerdeutsch "der Giraff" zum Aufprägen des Datums während des Verkaufsvorgangs. Zum System gehörten ferner Blankoformulare für handschriftlich auszufertigende Fahrausweise aller Art, die im Billettkasten nicht vorhanden waren. Von letzteren abgesehen war das System in der Kundenbedienung notabene schneller als jeder Schalterdrucker, ob mit elektromechanischer oder elektronischer Technik. (Selbstverständlich konnten auch beim PAUTZE-System Fahrausweise ganz oder teilweise handschriftlich ausgefertigt werden.)

Wozu also eine Mechanisierung des Billettverkaufs? – Der Nachteil des "Kastensystems" bestand vor allem im grossen Verwaltungsaufwand bei den "Einnehmereien" (einer der schönsten Fachausdrücke) nicht nur grösserer Bahnhöfe und ebenso auf der Verwaltung. Stichworte: Abrechnungswesen, Verrechnungswesen (Taxanteile für beteiligte Unternehmen im Direkten Verkehr), Buchführung (örtlich / zentral), Gemeinschaftskassen-Problematik (nichtregistrierende Kassen), Tarifänderungen (Umpreisen des Billettvorrats), Bestellwesen (SBB- oder private Billettdruckerei) usw.

Ein zweiter Anlauf Richtung Mechanisierung erfolgte 1952 mit Studien und Zeitmessungen in Zürich (Kastensystem) sowie Frankfurt M und Mailand (elektromechanische Schalterdrucker). 1957 erhielt der neue Bahnhof Burgdorf zwei AEG-Grossdrucker, wegen der imposanten Dimensionen vom Personal "Webstühle" genannt. Vermutlich ähnliche folgten in Sion und Wil – womit alle drei SBB-Kreise berücksichtigt waren. 1959 kam es zum Grossversuch in Basel SBB mit Schalterdruckern unterschiedlicher Art und Grösse der Firmen AEG, Ormegraph und erstmals auch PAUTZE.

Das Rennen machte klar der PAUTZE-Tischdrucker. Nicht nur die Technik passte, sondern auch die kompakte Form: Er fand ohne grössere bauliche Massnahmen an jedem Schalter Platz. Mitte 1965 startete ein Prototyp des Modells MG2 (vermutlich mehr oder weniger eine schweiztaugliche Neuentwicklung) in Romont. Für den Auftrag hatte sich übrigens keine Schweizer Firma interessiert. Ab Sommer 1969 nahmen die SBB 200 Drucker in Betrieb, anschliessend noch einmal gegen 250. Die Gesamtaktion dürfte 1972 zur Hauptsache abgeschlossen gewesen sein (ausser Zürich Flughafen). PAUTZE-Tischdrucker gelangten teilweise auch bei Privatbahnen und der Post im Einsatz.

1983 standen auf 311 SBB-Bahnhöfen 434 Maschinen mit insgesamt 115'614 Druckplatten im Einsatz. Zürich HB, die grösste Einnehmerei, kam auf deren 11'762. Die kleineren Dienststellen der SBB hingegen und viele der übrigen Verkehrsunternehmen behielten das altbewährte Kastensystem bis Anfang der 1990er Jahre bei, ohne SBB ganz vereinzelt gar bis heute. Das sind 170 Jahre Kulturkonstante Edmondson.

Die letzten PAUTZE wurden Ende April 1993 gesamtschweizerisch (jedenfalls im Direkten Verkehr) durch modernes Ticketing abgelöst, nachdem grosse SBB-Dienststellen schon ab 1985 nach und nach auf ESG (elektronisches Schalterdruckgerät) umgestellt worden waren. Weitere Systeme folgten.

Quellen: SBB-Nachrichtenblatt (erschienen bis 1984) und CTC-News


MEMO CENTER LOCORAMA ROMANSHORN
Walter F. Weibel / Otto J. Bauer

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Last modified on 2008-05-26 15:44
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